Beschwerdebild Alkoholabhängigkeit

                           Das Beschwerdebild der Alkoholkrankheit:

                                   lange Zeit nicht durchschaubar.

 

Man muss sich von dem Gedanken befreien, dass der Alkoholabhängige ein lustiger Zecher sei, der sich aus dem Leben eine Gaudi macht, indem er häufig mal ein Schnäpschen, ein Bier, ein Gläschen Wein zu sich nimmt. Der Alkoholkranke lebt - im Gegensatz zum lustigen Zecher - ein erbärmliches Leben. Je nachdem, wieweit der Zustand schon gediehen ist, ahnt oder weiß er das auch und ist aus diesen Gründen auf eine täuschende Fassade angewiesen. Dies macht seinem Umfeld, ja sogar dem Arzt ohne zuverlässige Fremd-Hinweise eine Früherkennung schwer - zu Lasten des Betroffenen, der sich noch gar nicht als krank erkennt, geschweige denn akzeptiert.

So kommen solche Patienten naturgemäß nicht wegen ihres Alkoholkonsums, sondern wegen Kreislaufbeschwerden, Nervosität, Angstzuständen, Zittern, Weinkrämpfen, Appetitstörungen mit morgendlichem Erbrechen und Gewichtsverlust, wegen Kollapszuständen und anderen Klagen in die Sprechstunde.

In seelischer Hinsicht vermag sich der Alkoholkranke dagegen erstaunlich lange zusammenzunehmen - zumindest außerhalb der Familie und am besten vor Fremden. Dabei kann er einen unauffälligen, ja sogar geist- und humorvollen Eindruck machen, obgleich er zu Hause bereits die erbärmlichsten Szenen geboten hat.

Aus diesem Grunde dürfte es vor allem dem Laien schwer fallen, jene seelischen und psychosozialen Folgeerscheinungen zu ernennen, die der Facharzt schließlich festzustellen hat: Störungen von Gedächtnis und Auffassungsgabe, wachsende geistige Ermüdbarkeit, mangelnde Beherrschung (Gemütslabilität) wie plötzliche Freude, Trauer, Wut und Zorn. Und Willensschwäche, erhöhte Suggestibilität (Beeinflussbarkeit), Oberflächlichkeit, Überbereitwilligkeit, ein etwas flacher und distanzloser Galgenhumor, die Überempfindlichkeit, wenn insbesondere die eigene Person in Frage gestellt wird usw. Dazu eine erstaunliche Interesselosigkeit, die bis zur Gleichgültigkeit und schließlich Verwahrlosung führen kann. Das ist zwar am Schluss nicht mehr zu übersehen, doch bei den verzweifelten Versuchen des Kranken, möglichst nicht aufzufallen, lange Zeit meist auch schwer einzuordnen.

 

Natürlich wird die direkte Frage nach dem Alkoholkonsum nicht einmal dem Arzt exakt beantwortet, von der bekannten „Flasche Bier zum Abendessen“ oder dem „Gläschen Rotwein“ einmal abgesehen. Im Gegenteil: Die bloße Erwähnung des Wortes Alkohol weckt in dem Kranken oftmals bereits Panik, Wut und Verzweiflung und lässt dann jeden weiteren Kontakt ersterben. Der Alkoholiker ist lieber auf der Flucht und damit in Gefahr sich gänzlich zurückzuziehen und in die Isolation zu geraten, als auch nur einen Fußbreit zuzugestehen, dass er sich bereits in den Fängen der Alkoholkrankheit befindet.

Deshalb ist es ausgesprochen schwer, einen gesellschaftlich noch halbwegs integrierten Alkoholkranken (rechtzeitig) zu erkennen. Dies ist auch einer jener Gründe, weshalb selbst hilfsbereite Mitmenschen das Los eines Alkoholikers kaum lindern können. Es wäre jedoch ein großer Vorteil, wenn sich durch die verbesserte Allgemeinkenntnis hier etwas bewegen ließe, und zwar rechtzeitig. Und dies heißt:

Gibt es seelische, körperliche und psychosoziale Hinweise, die an eine verborgene (verheimlichte) Alkoholkrankheit denken lassen könnten?

Doch schon diese vorsichtig formulierte Frage legt etwas nahe, was vor allem der Laie berücksichtigen sollte: Zurückhaltung, was voreilige Verdächtigungen anbelangt (denn so interpretiert es natürlich der Betroffene, je stärker bereits beeinträchtigt, desto heftiger). Deshalb die Mahnung zu Beginn der nachfolgenden Aufzählungen:

Kein vorschnelles Urteil fällen!

Denn jedes Leben nimmt seinen eigengesetzlichen Verlauf, auch unter dem Einfluss von Alkohol, Rauschdrogen, Arzneimitteln u. a. Gewisse seelische, körperliche und Verhaltensauffälligkeiten finden sich allerdings immer wieder. Aus diesem Grunde sollte man lernen insbesondere auf die Anfänge zu achten.

Doch so wichtig das ruhige, sachliche und um Objektivität bemühte Registrieren (nicht Diagnostizieren, das ist Sache des Arztes) entsprechender Verdachtsmomente ist, so wenig darf man dem Irrtum verfallen, mit einigen - noch so zwingend erscheinenden - Hinweisen seine „Privatdiagnose Alkoholismus“ bereits gesichert zu wissen.

Bei fortgeschrittener Erkrankung mit untrüglichen Zeichen ist die Situation zwar eindeutiger, dafür aber für eine Frühdiagnose mit rechtzeitigem Eingreifen von fachlicher Seite schon zu spät. Deshalb muss man sich merken:

  • Verdächtige Zeichen sammeln (lassen), aber kein vorschnelles Urteil fällen (s. o.).
  • Stets darauf achten, neben den Beobachtungen und Verdachtsmomenten das (halbwegs) gute Verhältnis zum Betroffenen nicht zu zerstören; schließlich will man nach der ärztlich bestätigten Diagnose auch erreichen, dass der Kranke umgehend therapeutische Konsequenzen zieht. Der Alkoholkranke weiß selber am besten, was die anderen erst zu vermuten beginnen; deshalb reagiert er entsprechend bewusst gleichgültig, abweisend, beschönigend, vielleicht sogar verstimmt, verbittert, gereizt oder aggressiv. Diese Reaktion ist nachvollziehbar - aus seiner (verzweifelten) Sicht.

Aus diesem Grunde empfehlen sich trotz aller Wachsamkeit: Zurückhaltung, bedachtes Vorgehen, geschickte und verständnisvolle Kontaktaufnahme und schließlich ein konsequentes Durchhalten der notwendigen therapeutischen Schritte.

Die Wirklichkeit stellt sich allerdings meist anders dar: Hier überwiegen Ungeduld, Resignation, Beschuldigungen, bittere Vorwürfe, heftige Auseinandersetzungen, handfeste aggressive Durchbrüche, tragische Familieszenen, Vertrauensschwund, Entfremdung oder gar Entzweiung von Partnern, Eltern, Geschwistern, Freunden, kurz: eine Belastung schwerster Art für alle Beteiligten.

Die Wirklichkeit stellt sich allerdings meist anders dar: Hier überwiegen Ungeduld, Resignation, Beschuldigungen, bittere Vorwürfe, heftige Auseinandersetzungen, handfeste aggressive Durchbrüche, tragische Familieszenen, Vertrauensschwund, Entfremdung oder gar Entzweiung von Partnern, Eltern, Geschwistern, Freunden, kurz: eine Belastung schwerster Art für alle Beteiligten.

Nachfolgend nun entsprechende Hinweise auf ein alkoholbedingtes Beschwerdebild, sofern andere Ursachen ausgeschlossen werden konnten, da es sich um ein vielschichtiges und damit mehrdeutiges Leiden handelt.

Was kann in seelischer Hinsicht auf eine Alkoholkrankheit hinweisen?

 Gerade auf seelischem Gebiet sind die Hinweise besonders vieldeutig. Da man jedoch keine große Auswahl hat, muss man auch diese in seine Überlegungen einfügen. Jede Beobachtung ist sinnvoll, jede Erkenntnis nützlich, sofern sie nicht vorschnell oder taktisch ungeschickt verbaut wird. Allerdings muss man auch eingestehen: Den seelischen Symptomen kommt - zumindest aus der Sicht der Laien - im Allgemeinen der geringste Beweiswert zu. Hier ist die Zahl der möglichen nicht-alkoholbedingten Hintergründe am größten.

Oder mit anderen Worten: Gerade auf seelischem Gebiet können die nachfolgenden Symptome auf eine Vielzahl von Belastungen, Sorgen, Kümmernissen, partnerschaftlichen, nachbarschaftlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Einbußen oder Schicksalsschlägen zurückgehen. Also Vorsicht, aber keine vorschnelle Resignation. Denn jedes Symptom hat ja auch eine Ursache, woher auch immer, und die gilt es zu ergründen und zu lindern, ob mit oder ohne Alkohol-Beteiligung.

Also nochmals: Was kann auf eine Alkoholkrankheit hinweisen, sofern andere Ursachen ausgeschlossen wurden?

- Zum Beispiel in zunehmender und früher so nicht deutlicher Ausprägung: innere Unruhe, Nervosität, Fahrigkeit, Gespanntheit, Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit, Aggressivität u. a.

- Ein- und Durchschlafstörungen, unruhiger Schlaf, Schreckträume, häufig Nassgeschwitztes Erwachen

- Depressive Stimmungsschwankungen („Alkohol als Selbsttherapie“), Ängstlichkeit

- Minderwertigkeitsgefühle, nicht selten durch großspuriges Auftreten überdeckt 

- Merk- und Konzentrationsstörungen, Nachlassen von Gedächtnis und Auffassungsgabe, unerklärliche Erinnerungslücken („und er behauptet fest, er weiß von nichts“ - siehe auch die Abhängigkeit von Schlaf- und Beruhigungsmitteln vom Typ der Benzodiazepine im Kapitel Medikamenten-Abhängigkeit)

- Beginnende Interesselosigkeit und Neigung zu Rückzug und Isolation (s. u.)

- Beginnende Interesselosigkeit und Neigung zu Rückzug und Isolation (s. u.)

 - Rührseligkeit, Überempfindlichkeit, rasche Kränkbarkeit

- Willensschwäche, erhöhte Beeinflussbarkeit, Überbereitwilligkeit, dabei aber oberflächlich und wenig zuverlässig („sagt nicht nein, hält aber auch kein Versprechen“)

- Etwas distanzloser Humor, flaches, unbegründetes Glücksgefühl, kumpelhaft-anbiederndes Verhalten

- Ausgeprägte Verheimlichungs- und Täuschungsneigung mit häufig geschickten Beschönigungs-Versuchen.

- Beginnende Interesselosigkeit und Neigung zu Rückzug und Isolation (s. u.) - Beginnende Interesselosigkeit und Neigung zu Rückzug und Isolation - Beginnende Interesselosigkeit und Neigung zu Rückzug und Isolation (s. u.) - Beginnende Interesselosigkeit und Neigung zu Rückzug und Isolation - Beginnende Interesselosigkeit und Neigung zu Rückzug und Isolation (s. u.) - Beginnende Interesselosigkeit und Neigung zu Rückzug und Isolation

Quelle: http://www.psychosoziale-gesundheit.net/seele/alkohol.html