Der 3. April

Da war mir plötzlich alles klar…

Der 3.April 1981

war kein Tag wie jeder andere.
 

Ich sitze auf einem unscheinbaren Klappsitz vor der Psychosomatischen Station der Landes- Nervenklinik. Eine gute Fee hat mich hierher gebracht. Sie hat mich, mit meiner Zustimmung, in ihrem Auto transportiert, denn ich kann kaum noch gehen, bin aber nicht betrunken. Nach meinem wiederholten Fluchtversuch aus diesem völlig verpfuschten Leben, bin ich mit den Nerven am Ende. Die gute Fee heißt Ilse und ist Mitarbeiterin der Telefonseelsorge. Ich bin Franz und als Alkoholiker bin ich einer ihrer treuesten Anrufer.

 

Es ging um meine Aufnahme zur körperlichen Entgiftung in dieser Klinik. Das ist gar nicht so einfach, denn an einem Freitagnachmittag gibt es keine Aufnahme Ausgenommen sind Akut-Fälle und ein solcher wollte ich nicht sein. Es macht einen Unterschied in welcher Abteilung man landet. Akut- und Suizidfälle werden grundsätzlich in der geschlossenen Beobachtungsstation behandelt und genau das wollte ich nicht. Auf gar keinen Fall! Darum versuchte die gute Fee Ilse den Leiter der Klinik zu sprechen um mich doch noch in der Station für freiwillige Entzugspatienten unterzubringen.

Ich weiß nicht mehr wie lange ich da gesessen und mich selbst bemitleidet habe. Ein Dämon sitzt in mir. Dieser ungerufene Teufel sitzt in irgendeinem unaussprechlichen Gehirnlappen und neckt mich, beschimpft mich als Versager und Weichei. Er ist mein ganz privater Verführer und immer präsent. Seine Art mit mir zu kommunizieren ist keine Sprache im Wortsinn, ich höre ihn nicht akustisch und doch kommen seine Impulse bei mir an. Ich rutsche unruhig auf meinem Klappsessel hin und her und merke schon - er ist wieder da!

„Was bist du nur für ein armer Wurm. Du sitzt hier und wartest bis man dich vollends erniedrigt, lass dich doch nicht von christlichem Weibergewäsch verrückt machen, die Weißkittel bringen dich noch so weit, ihnen zu erzählen dass du mit mir sprichst. Dann ist aber endgültig Schluss mit Wein, Weib und Gesang, du landest ganz sicher am Zitronenhügel! Also hau ab, solange es noch geht, schau dass du wieder in Stimmung kommst, ich helfe dir dabei, das haben wir zwei doch noch immer hingekriegt, oder? Sei endlich wieder mein weinseliger und immer lustiger Zecher auf allen Festen. Lass dich nicht unterkriegen. Steh auf, wenn du ein Mann bist!“

Ich kämpfe mit mir. Nein und noch mal nein, heute gebe ich nicht nach, heute bleibe ich mir selbst gegenüber hart. Meine Ehre lässt es nicht zu, dass ich meine Samariterin, meiner selbstlosen Helferin Ilse, die immer an mich glaubt und sich in diesem Moment wahrscheinlich für mich einsetzt, enttäusche. Nein, das tue ich nicht. Nach diesem inneren Monolog fühlte ich mich erleichtert, ich war überzeugt das Richtige getan zu haben. Da ging die gläserne Flügeltür auf und Ilse stand freudestrahlend mit dem Oberarzt vor mir. Sie hatte es doch tatsächlich geschafft. Ich hatte trotzdem ein mulmiges Gefühl, wie Watte im Hirn. Mir fehlte die Selbstsicherheit, für mich war alles nur Obrigkeit.

 

Da ist mir plötzlich klar, ich werde mich fügen müssen. Es ist die totale Kapitulation. Es gibt kein Zurück mehr. Mit zitternder Hand unterschreibe ich irgendein Formular und bin formell aufgenommen. Ilse bekommt feuchte Augen, wahrscheinlich vor Erleichterung. Sie hat sich schnell verabschiedet und mir noch versprochen, mich gleich morgen zu besuchen und mir Zigaretten zu bringen.

 

Nach einer kurzen Untersuchung durch den Oberarzt bekam ich mein Bett in einem Zimmer mit Glastür zugewiesen. Alle Zimmer hatten Glastüren zwecks besserer Überwachung. Seine erste Diagnose war klar - chronischer Alkoholismus, erste Medikation waren Vitamin B Infusionen zur Vorbeugung gegen Delirium tremens, den gefürchteten Entzugserscheinungen. Die Nacht war die ruhigste seit vielen Jahren. Es ist früher Morgen, ich liege hier in diesem strahlend weißen Bett und bin erlöst. Was ist passiert mit mir? Kindliche Gedanken lassen mich an den Himmel glauben, es ist als sei ich im Paradies angekommen. Da war mir plötzlich alles klar, ich brauche keinen Tropfen mehr. Es hat Klick gemacht. Ich habe meinen "besten Freund" zum Teufel gejagt und dafür viele neue gewonnen.

©FranzFink