Verpfuschtes Leben

Verpfuschtes Leben, oder…? 


Wieder bin ich mal dort, wo ich eigentlich nicht mehr sein wollte – am Anfang. Nein, ich trinke keinen Alkohol, sonder nur gedanklich. Ich überlege und suche den Grund für mein Alkoholproblem. Warum habe ich dem Alkohol so zugesprochen? Wann fing es eigentlich richtig an mit dem Trinken?

Ich muss sagen, dass ich in der Lehrzeit schon manchmal zu tief ins Glas geschaut habe. Weshalb auch immer, es war so, denn die Kollegen hänselten, wenn ich mich zurückzog. In der PGH, wo ich meine Lehr- und Gesellenzeit arbeitete, gab es viele Möglichkeiten, mit dem Alkohol konfrontiert zu werden. Jahresabschluss, Betriebsfeier und -Fahrten. Auch in den Frühstücks- oder Mittagspausen trank man Bier, wobei ich sagen muss, dass ich dann selten Alkohol trank – lieber Limonade oder ähnliches. Doch mit der Zeit häufte es sich. Warum – weis ich heute nicht mehr genau. War es wegen der Kollegen? Weil ich mich beweisen und mithalten wollte? 

Selbst, wenn ich zu meiner Freundin gefahren bin, hatte ich unterwegs ein paar Bier in der Mitropa getrunken. Was war aber wieder von ihr zu hören? Genau das, was hier schon beschrieben wurde. Sie mag keinen Trinker. Die Armeezeit verschlimmerte die Sache noch mehr, denn ohne Alkohol im Ausgang war nichts los. Voll wie eine „Haubitze" ging es meist in die Kaserne oftmals frühzeitig zurück(eher, als der Zapfenstreich – konnte manchmal kaum noch laufen). Wiederum habe ich mir auch den Ausgang vermasselt, wenn ich später kam, als genehmigt. Für mich war Armee ein rotes Tuch zur damaligen Zeit und wenn ich ehrlich bin, auch nicht anders zu ertragen. Die Trennung vom Zivilleben und der Freundin, sowie die Scheidung meiner Eltern, kamen noch hinzu.

Weit nach der Armeezeit, meine Freundin hatte mich verlassen (dazu kein Kommentar, doch aus heutiger Sicht bestimmt richtig), kam das, was ich nicht bedachte. Ich drückte mich in Kneipen und Gaststätten herum und merkte es nicht, dass ich abhängig vom Alkohol bin. Ich hatte eben Durst und das war für mich natürlich. Ein paar Bierchen  in Ehren oder nach Feierabend, sind doch klar. Die guten Worte meiner Mutter schlug ich in den Wind und ihr Lebensgefährte schob mir Bier entgegen. Er selbst trank auch nicht wenig. Immer wieder schob ich es vorn weg und bin in die Kneipe gegangen. Später war es meiner Frau zuviel und ich holte das Bier nach Hause. Auf Arbeit lief es gut, denn „Bummelei“ gab es bei mir nicht - auch nicht mit Restalkohol. Dafür war ich öfter krank – mein Magen streikte. Warum? Er hatte doch alles. Ich merkte, dass ich mehr trank, als ich aß. Jedoch hatte ich meinen Standpunkt, wenn ich andere auf der Strasse sah und nicht mehr stehen konnte. "So werde ich nie!" - es war meist zu einem Zeitpunkt, wo ich wirklich wenig trank und daher solche Gedankenswünsche hatte. Ich zählte mich nicht zu solchen Trinkern, die man oft im betrunkenem Zustand am Straßenrand sah und ging nicht mehr in Kneipen oder Gaststätten. Wenn ich Durst hatte, trank ich zu Hause – aber dann genügend und auch zu viel, um am nächsten Tag nichts vom Geschehenen des vergangenen Tages zu wissen – meist an Wochenenden. Die Reservistenzeit in Cottbus brachte mehr Gefahr für mich ein, denn der Alkohol war an der Tagesordnung. Ausgang und Alkohol war wieder eine Einheit. Die Gefahr wuchs und wuchs, ohne dass ich darauf achtete. Die Kollegen wurden böse und rieten mir zu einer Entgiftung. Aber in der DDR zur Entgiftung? Da hatte ich zu viel gehört und hielt mich fern von dem Gedanken. 

Die Wende 1989/ 90 brachte viel Neues, was den Alkohol betraf. Neue Sorten Bier, welche man nicht kannte und der Alkoholkonsum vergrößerten sich. Man musste ja erst mal kosten, um das bessere Bier zu kennen und das zu vernichten, was nicht geschmeckt hat. Ich wusste jetzt erst recht, dass ich abhängig bin und wollte es selbst versuchen, dem Alkohol endgültig „Adieu" zu sagen. Endlich alkoholfrei leben. Nichts geschah, was dem entsprach. Ich kam einfach nicht davon los. Selbst die erste Entgiftung im Juli 1993 war erfolglos. Nach einem operativen Eingriff an meiner Persönlichkeit ging ich  - eigentlich für einen Kaffee - ein Bier in die Cafeteria trinken und merkte schon einen Tag später, dass ich doch wieder "Durst" hatte. Ein fataler Fehler, den ich nicht wieder rückgängig machen konnte. Ich hatte einfach "Sehnsucht" nach einem Gläschen.

Was war also wirklich der Grund, dass ich alkoholabhängig war? Mein eigentlicher Lebenswandel? Der Umgang mit Alkohol? Mein nicht ganz fehlerloses Leben? Manchen Fehler hatte ich nachträglich eingesehen. Aber das allein kann es nicht gewesen sein, denn ich hatte auch gute Seiten, welche mir Mut machten und der Grund war, nichts zu trinken. Wenigstens nicht so viel Alkohol – ein, zwei Bier, dann war Schluss. Aber auch diese ein, zwei Bier waren schon wieder zu viel. Dann war der Drang – der Alkohol - wieder da. Manchen Jahreswechsel wollte ich als Anlass nehmen und aufhören, aber es half nichts. Der Durst – Appetit auf Alkohol, nicht nur Bier, auch Schnaps kam dazu und war größer geworden. Das Zittern der Hände verschlimmerte sich und zeigte jedem mein wahres Verhalten. Den Grund meiner Lügen, welche ich vor den Alkohol schob sah man. Angstzustände verschlimmerten auf Arbeit in höheren Regionen (war nicht mehr Schwindelfrei) den Zustand und war nahe dran, alles aufzugeben. Erst die Mahnungen meiner Frau, Schwester und Mutter zwangen mich zur endgültigen Entscheidung. Sie oder der Alkohol, stellte meine Familie in Frage. Es war keine leichte Entscheidung, aber ich habe das Richtige gewählt.

Für mich steht heute fest, dass es der Umgang mit Alkohol war, welcher mich dazu brachte, abhängig zu werden. Jedoch bin ich beinahe überzeugt davon, dass ich selbst die Schuld habe, wie ich mein Leben gestaltet hatte. Wenn ich immer wieder an die Vergangenheit denke – an gute und schlechte Zeiten – gibt es keinen Grund, Alkoholiker zu sein. Ich bin stolz darauf, es soweit geschafft zu haben, dass ich keinen Alkohol mehr trinke.

 

Im Leben geht es nicht darum zu warten,
dass das Unwetter vorbeizieht,
sondern zu lernen im Regen zu tanzen.

Unbekannter Autor